Der-Jahn-Blog
·3. April 2025
Abseits der Ränge: Meister müssen aufsteigen!

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·3. April 2025
Servus Jahnfans,
der Gedanke, im Blog auch sportpolitische Themen aufzugreifen – also Entwicklungen, die den Fußball insgesamt betreffen, aber auch direkt oder indirekt unseren Jahn –, beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Jetzt wollen wir den Versuch einfach mal starten: Ein neues Format, das künftig in (vorerst) unregelmäßigen Abständen erscheinen soll.
Der Aufbau ist grundsätzlich zweigeteilt: Im Mittelpunkt steht jeweils ein ausführlicher Hintergrundtext zu einem aktuellen Brennpunkt der Fußballpolitik. Ergänzend dazu ist eine zweite Rubrik mit kompakten sportpolitischen Kurznachrichten geplant – kompakt, fannah, einordnend. Heute konzentrieren wir uns erstmal auf den großen Themenblock – der ist ausführlich genug.
Wie sich das Format weiterentwickeln soll – ob ein- oder zweigeteilt, regelmäßig oder spontan – das hängt auch von euch ab. Lasst gerne bei mir direkt hören, was ihr denkt: Kritik, Ideen, Lob oder Widerspruch – alles willkommen!
Hinweis: Die in diesem Text sowie Format geäußerten Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig immer die Haltung der gesamten Redaktion wider.
Cottbus, ein Samstag im Mai 2023. Die Sonne taucht das Stadion der Freundschaft in weiches Licht, auf den Tribünen wehen Fahnen, Gesänge hallen über das Spielfeld. Energie Cottbus hat die Meisterschaft der Regionalliga Nordost gewonnen. Spieler und Fans feiern, der Stadionsprecher ruft zu einer Ehrenrunde auf – doch es liegt ein Schatten über diesem Moment. Denn die große Frage bleibt offen: Reicht der Titel für den Aufstieg in die 3. Liga? Oder entscheidet wieder einmal ein einziges Relegationsspiel über das sportliche Schicksal eines ganzen Vereins?
Einige Jahre zuvor, im Mai 2015, war die Szene ähnlich – nur 500 Kilometer weiter südlich. Unser SSV Jahn Regensburg hatte sich nach einer schwierigen Saison zurückgekämpft und sich den Meistertitel in der Regionalliga Bayern gesichert. Doch auch für den Jahn war der Aufstieg nicht selbstverständlich. Zwei Relegationsspiele gegen den VfL Wolfsburg II entschieden darüber, ob der Verein den Weg zurück in den Profifußball finden würde – oder in der Bedeutungslosigkeit der Viertklassigkeit verharrte. Es wurde ein Kraftakt, ein Nervenspiel – das Regensburg letztlich für sich entschied. Was folgte, war eine beeindruckende Entwicklung bis in die 2. Bundesliga. Doch die Frage bleibt: Was, wenn es anders ausgegangen wäre?
Solche Szenen haben in Deutschland längst Routine. Nicht nur in Cottbus und Regensburg, sondern auch in Jena, Leipzig, Lübeck, Würzburg oder Erfurt erleben Fans und Vereine regelmäßig dieselbe absurde Situation: Die Saison endet mit dem ersten Platz, doch der Aufstieg ist keineswegs sicher. Stattdessen warten zwei nervenaufreibende Spiele – wo eher der Zufall entscheidet – gegen einen ebenfalls unverschuldet betroffenen Mitmeister. Wer verliert, bleibt viertklassig – unabhängig von sportlicher Leistung oder verdientem Erfolg.
Der Unmut darüber wächst – in den Stadien, in den Vereinsführungen und zunehmend auch in der Öffentlichkeit.
Ein System ohne Zukunft: fünf Ligen, vier Plätze
Der Hintergrund dieses Problems liegt in einer Strukturreform, die mittlerweile über ein Jahrzehnt alt ist. 2012 wurde die Regionalliga neu organisiert. Statt der bisherigen drei Staffeln existieren seither fünf: Nord, Nordost, Bayern, West und Südwest. Die Idee dahinter war, die Fahrtwege zu verkürzen, mehr regionale Bezüge herzustellen und die Einstiegshürde für ambitionierte Amateurvereine zu senken. Doch die Reform hatte einen fundamentalen Webfehler: In die 3. Liga führen bis heute nur vier Aufstiegsplätze.
Zwei dieser Plätze sind dauerhaft an die Regionalligen West und Südwest vergeben – unabhängig von sportlicher oder struktureller Entwicklung. Die drei verbleibenden Staffeln rotieren jährlich um den dritten Direktaufstiegsplatz, während die beiden jeweils übrigen Meister den vierten Platz in einer Relegation ausspielen müssen. Jedes Jahr bedeutet das: Mindestens ein Regionalliga-Meister bleibt auf der Strecke, obwohl er sportlich die beste Mannschaft seiner Liga war.
Dass dieser Zustand mit den Grundsätzen sportlicher Fairness kaum vereinbar ist, liegt auf der Hand. Wer in 34 oder mehr Saisonspielen konstant punktet, auswärts vor vollen Kurven spielt, wirtschaftlich alles investiert und sportlich überzeugt, sollte nicht durch ein Relegationsspiel ausgebremst werden. Und doch geschieht genau das – immer wieder.
„Es ist ein Aufstiegsroulette – und das zerstört Planungssicherheit und Vertrauen“, sagt Ralph Grillitsch, Präsident des FC Carl Zeiss Jena. Seine Kritik ist nicht neu, aber sie wird inzwischen auf breiter Front geteilt. Die Verlierer dieses Systems sind dabei immer dieselben: Traditionsreiche Klubs, regionale Fußballzentren, engagierte Fanszenen – kurz: der Unterbau des deutschen Profifußballs.
Was auf dem Spiel steht: Planung, Struktur, Identität
Die Folgen der aktuellen Regelung sind nicht nur sportlich, sondern strukturell und wirtschaftlich gravierend. Wer in der Regionalliga Meister werden will, muss bis an die Maximalgrenze investieren – in Spieler, Infrastruktur, Trainerteams, medizinische Betreuung. In vielen Fällen arbeiten die Vereine längst unter Bedingungen, die sich kaum von jenen der 3. Liga unterscheiden. Doch ob sich dieser Aufwand lohnt, hängt nicht allein von der sportlichen Leistung ab, sondern vom Spielplan – und davon, ob man im „richtigen“ Jahr Meister wird.
„Die Vereine im Nordosten gehen alle drei Jahre ans Limit“, erklärt Grillitsch. „Aber wenn du nicht aufsteigst, brechen oft Kader, Sponsorendeals oder Vereinsstrukturen weg.“ Genau das ist in den vergangenen Jahren immer wieder geschehen. Lok Leipzig etwa scheiterte 2020 trotz starker Saison am SC Verl. Der BFC Dynamo unterlag 2022 dem VfB Oldenburg, Energie Cottbus musste 2023 gegen die Würzburger Kickers passen. Jedes Mal bedeutete das: Enttäuschung, personelle Umbrüche, wirtschaftlicher Rückschritt und in nicht seltenen Fällen ging es sportlich dann auch wieder bergab.
Hinzu kommt der psychologische Effekt. Wenn selbst der Meistertitel keine Garantie für den Aufstieg bietet, verliert der sportliche Wettbewerb an Glaubwürdigkeit. Spieler und Fans zweifeln an der Sinnhaftigkeit des Systems. Die Folge ist ein struktureller Stillstand, der sich über Jahre hinweg fortsetzt. Während Klubs aus dem Westen und Südwesten mit klaren Perspektiven planen können, kämpfen Nord, Nordost und Bayern um das grundlegendste Recht des Sports: Aufstieg nach Leistung.
Protest von unten: Die Kurven organisieren sich
Der Widerstand gegen dieses System wächst nicht nur in den Vorstandsetagen der jeweiligen Verlierer dieser unsäglichen Relegation. Vor allem in den Stadien hat sich in den letzten Jahren eine breite Protestbewegung gebildet. „Meister müssen aufsteigen“ – dieser Satz ist längst zum überregionalen Slogan geworden. Er taucht auf Bannern in Chemnitz auf, in Jena, in Fürth und sogar in Bundesliga-Stadien, welche ja sehr weit weg von der Regionalliga scheinen. Was ursprünglich als regionale Beschwerde begann, ist heute ein flächendeckender Appell an die Fußballverbände. Ein Appell, welcher ignoriert wird.
Schon 2019 hatten sich die organisierten Fanszenen Deutschlands in einer eigenen Arbeitsgruppe zusammengeschlossen, um die Problematik systematisch aufzuarbeiten. Mit Fragebögen, Hintergrundgesprächen und einer gemeinsamen Erklärung legten sie Reformvorschläge vor, die auf eine gerechtere Struktur abzielen: vier Regionalligen, vier Aufstiegsplätze, klar definierte Staffelzuschnitte, eine eigene Liga für U23-Teams. Ihre Analyse war scharf – und sie ist aktueller denn je.
Dass dieser Druck Wirkung zeigt, ist spürbar – aber diese Wirkung wird nicht von den Verbänden getragen. Beim „Aufstiegsgipfel“ des NOFV in Cottbus Ende März 2024 präsentierten aber offiziell 17 von 18 Klubs der Regionalliga Nordost zwei konkrete Reformmodelle – getragen von breiter Zustimmung untereinander und offen kommunizierter Kompromissbereitschaft gegenüber anderen Regionen. Selbst aus Bayern, wo man lange an einer eigenen Staffel festhielt, kommen inzwischen offenere Töne.
Der DFB im Reformstau: Verantwortung wird vertagt
Und doch passiert auf Verbandsebene seit Jahren wenig. Der DFB behauptet, er könne nichts tun, weil ihn die Uneinigkeit der Regionalverbände an den Status quo fessle – die Regionalverbände wiederum fühlen sich von der Tatenlosigkeit des DFB gefesselt. Sind das noch Interessensverbände des Fußballs, Bondage-Clubs oder was ist mit euch?
Eine 2019 eingesetzte Ad-hoc-Arbeitsgruppe – wohl nur zur Befriedigung der Diskussion – wurde 2021 wieder aufgelöst – ohne Ergebnis, ohne Transparenz, ohne jede Spur von Wirkung. Zurück bleibt ein ausgehöhlter Status quo, den alle beklagen, aber keiner aufbricht.
Dabei hätte der DFB längst eingreifen können. Die aktuell gültige Aufstiegsregelung wurde 2020 als befristetes Übergangsmodell (!) eingeführt – mit dem ausdrücklichen Ziel, binnen zwei Jahren eine tragfähige Lösung zu erarbeiten. Inzwischen sind fünf Spielzeiten vergangen – ohne Taten. Das Provisorium ist zum Dauerzustand geworden – ohne neuen Beschluss, ohne juristisch saubere Grundlage. Wieder mal wurde ein Versprechen seitens des Verbandes gebrochen.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf lehnt eine Aufstockung der 3. Liga weiterhin kategorisch ab – obwohl sie den Weg für vier direkte Aufsteiger ebnen würde und obwohl eine neue Regelung faktisch versprochen wurde. Gleichzeitig betont er, die Reform sei keine „Chefsache“ (Thema: Bondage-Club). Als Ansprechpartner verweist er auf Spielleiter Manuel Hartmann. Für viele Vereinsverantwortliche ist das nichts anderes als ein Rückzug aus der Verantwortung.
Noch brisanter: Laut §55 der DFB-Spielordnung gilt, dass sportlich qualifizierte Mannschaften grundsätzlich aufzusteigen haben. Für die Regionalliga wird dieser Grundsatz durch eine Sonderregelung systematisch außer Kraft gesetzt – ein struktureller Widerspruch, den der Verband bislang nicht auflöst. In anderen Bereichen des Verbandsfußballs würde ein solcher Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz kaum durchgehen.
Juristen sehen darin zunehmend ein Risiko. Denn die Kluft zwischen formeller Satzung und faktischer Anwendung könnte – etwa durch eine Vereinsklage vor dem Ständigen Schiedsgericht oder dem DFB-Bundesgericht – rechtlich zur „Büchse der Pandora“ werden. Die Regelung ist nicht nur unpopulär, sondern möglicherweise auch nicht belastbar. Sollte ein betroffener Klub den Klageweg beschreiten und nachweisen können, dass er durch strukturelle Ungleichbehandlung systematisch benachteiligt wurde, drohen langwierige Verfahren – mit ungewissem Ausgang für den Verband.
Bislang hat sich kein Verein diesen Schritt zugetraut – wohl auch aus Angst vor sportpolitischen Nachteilen. Doch je länger der DFB keine Lösung vorlegt, desto wahrscheinlicher wird es, dass eine juristische Klärung forciert wird – notfalls durch Instanzen außerhalb des DFB. Chemie Halle und deren Sportdirektor Daniel Meyer kündigten zuletzt an, dass sie diesen Punkt unter Umständen auch juristisch überprüfen wollen.
Strukturelle Ungleichheit: Bayern-Privileg, U23-Problematik
Auffällig ist dabei vor allem die Sonderstellung des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV) – so leid es mir für Bayern tut. Seit der Reform 2012 verfügt der BFV über eine eigene Regionalliga – ein deutschlandweit einmaliger Fall. Kein anderer Landesverband beansprucht eine exklusive Liga nur für sich. Alle anderen Regionen teilen sich ihre Ligen entweder auf mehrere Landesverbände auf oder bilden größere Einheiten mit funktionalen Staffelzuschnitten. Der BFV jedoch verteidigt bis heute seine Einzelstellung – gestützt durch langjährig gewachsene Machtstrukturen innerhalb des DFB.
Die sportliche Begründung für den garantierten Direktaufstiegsplatz des Meisters der Regionalliga Bayern alle drei Jahre erscheint fragwürdig, insbesondere im Vergleich zur Regionalliga Nordost. In der Saison 2021/22 verzeichnete die Regionalliga Bayern insgesamt 230.957 Zuschauer bei 380 Spielen, was einem Durchschnitt von etwa 608 Zuschauern pro Spiel entspricht. Im Gegensatz dazu zog die Regionalliga Nordost in derselben Saison insgesamt 467.798 Zuschauer an, mit einem Durchschnitt von etwa 1.233 Zuschauern pro Spiel
Einige Vereine der Regionalliga Nordost erreichten dabei deutlich höhere Durchschnittszahlen:
Im Vergleich dazu lagen die Spitzenreiter der Regionalliga Bayern deutlich darunter:
Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Regionalliga Nordost insgesamt ein höheres Zuschauerinteresse und größere Fanunterstützung aufweist – das wissen wir auch alle. Angesichts dieser Unterschiede erscheint es schwer nachvollziehbar, warum der Meister der Regionalliga Bayern regelmäßig einen garantierten Aufstiegsplatz erhält, während sportlich und strukturell stärkere Ligen wie die Regionalliga Nordost um ihre Aufstiegschancen bangen müssen.
Trotzdem behält der BFV ein Aufstiegsrecht, das gleich gewichtet wird – und in Rotationsjahren sogar Vorrang vor den strukturell stärkeren Ligen hat. Der Preis dafür ist hoch: Während bayerische Klubs wie die SpVgg Unterhaching oder der FC Schweinfurt in vergleichsweise ruhigem Fahrwasser Meister werden können, müssen Teams aus dem Nordosten wie Erfurt oder Halle den mühsamen Weg durch Relegationsspiele gehen. Und das oft gegen bayerische Gegner, die dann aufsteigen – obwohl sie in einer strukturell privilegierten Liga mit weniger Konkurrenzdruck unterwegs waren.
Hinzu kommt, dass der BFV in der DFB-Gremienarbeit überdurchschnittlichen Einfluss besitzt. In Präsidium, Ausschüssen und Kommissionen ist Bayern traditionell stark vertreten – und nutzt diese Position, um das eigene Modell zu stabilisieren. Die oft beschworene „Selbstverwaltung der Regionalverbände“ wird dadurch zur Machtfrage: Wer Blockademacht besitzt, kann verhindern, dass sich die anderen einigen. Genau das ist in der Vergangenheit immer wieder geschehen – der BFV war bei jeder ernsthaften Strukturreform der Bremsklotz. Der BFV ist der maßgebliche Teil des Selbstfesselungsspiels der Verbände.
Zugleich lässt sich beobachten, dass in Bayern überdurchschnittlich viele U23-Teams aktiv bleiben, obwohl sie strukturell kaum Zuschauerinteresse wecken. Der Zuschauerschnitt der zweiten Mannschaften des FC Bayern, FC Augsburg, 1860 München oder der SpVgg Greuther Fürth liegt regelmäßig unter 500. Dennoch verteidigt der BFV vehement die Durchmischung von Profi-Reserven und Traditionsklubs – angeblich im Sinne der Talentförderung. Gestern gewann etwas weiter westlich Mainz 05 II, die im Abstiegskampf stecke, gegen die Aufstiegsaspiranten aus Frankfurt mit 3:0 – kurzerhand mit gestandenen Bundesliga-Profis wie Weiper oder Maloney bestückt. Alles fair, oder?
Tatsächlich ist vor allem die RL Bayern für viele Zweitvertretungen ein bequemer Rückzugsraum, in dem sportlich wenig zu gewinnen, aber auch wenig zu verlieren ist. Für ambitionierte Klubs aus Schweinfurt, Bayreuth oder Burghausen (pfui) jedoch blockieren sie nicht nur Plätze, sondern schwächen auch die öffentliche Wahrnehmung der Liga.
Selbst intern wird der Druck inzwischen größer. Funktionäre wie Andreas Brendler (Schweinfurt) oder Roland Dachauer (Vilzing) stellen offen infrage, ob das „BFV-Privileg“ noch tragbar ist. Auch Fanszenen in Bayern haben in den vergangenen Monaten Banner mit der Aufschrift „Meister müssen aufsteigen – RL Bayern abschaffen!“ gezeigt. Doch der Verband selbst gibt sich weiter unbeweglich – und setzt auf Zeitgewinn statt Strukturreform.
Es ist ein System, das nicht auf sportlicher Logik beruht, sondern auf föderaler Machtsicherung. Und das auf dem Rücken derer ausgetragen wird, die Woche für Woche vor vollen Rängen spielen. Wer nur seinen Chefsessel verteidigt, der hat im Fußball nichts zu suchen.
Aktuelle Reformvorschläge der Ostclubs
Jahrelang wurde diskutiert, doch endlich gibt es konkrete Vorschläge. Im März 2024 legten 17 von 18 Vereinen der Regionalliga Nordost ihre Vorstellungen für eine grundlegende Reform der Regionalliga vor. Ein Schritt, der nicht nur die Struktur der Regionalliga verändern könnte, sondern auch das gesamte Aufstiegssystem in den deutschen Profifußball. Die Frage bleibt: Was genau ist in den Vorschlägen enthalten, und warum ist die Reform jetzt so dringend?
1. Vier-Staffeln-Modell: Direktaufstieg für alle Meister
Ein Vorschlag, der breite Zustimmung gefunden hat, ist das Vier-Staffeln-Modell. Anstatt der bestehenden fünf Regionalligen (Nord, Nordost, Bayern, West, Südwest) sollen vier Regionalligen gebildet werden: Nord, Ost, Süd und West. Jede dieser Ligen würde auf rund 20 Mannschaften aufgestockt werden. Die Meister jeder Regionalliga würden dann direkt in die 3. Liga aufsteigen, ohne durch die ungeliebte Relegation gehen zu müssen.
In diesem Modell wird also eine vollständige Gleichbehandlung der Meister gefordert. Jede Region soll die gleiche Chance haben, ihre besten Teams direkt in die 3. Liga zu schicken, ohne durch rotierende Plätze oder Relegationen benachteiligt zu werden.
2. Vorteile dieses Modells:
3. Playoff-Modelle als Alternative
Ein weiteres Modell, das zur Diskussion steht, ist die Einführung eines Meister-Playoffs. Dabei würden alle fünf Regionalliga-Meister in einem kurzen Turnier gegeneinander antreten, um die letzten zwei Aufsteiger zu ermitteln. Dieses Modell würde für mehr Spannung sorgen, da jeder Meister die Möglichkeit hätte, sich in direkten Duellen zu beweisen.
Angesichts der unbedingten Notwendigkeit, dass Meister aufsteigen müssen, halte ich dieses Format für problematisch. Es wäre keine Lösung, sondern eine Verschärfung der bestehenden Ungerechtigkeit – als würde man ein Feuer mit Benzin löschen. Was der Wettbewerb wirklich braucht, ist nicht mehr Spannung, sondern ein klares und faires System. Play-Offs für alle würde noch weniger Klarheit im Ligabetrieb undnoch mehr Verunsicherung schaffen.
„Ein Playoff-Format würde die Spannung erhöhen und gleichzeitig den sportlichen Erfolg jedes Vereins stärker in den Mittelpunkt stellen“, erklärt Andreas Brendler vom 1. FC Schweinfurt 05.
4. Aufstockung der 3. Liga: Eine mögliche Lösung
Neben den Varianten zur Struktur der Regionalliga wird auch über eine Aufstockung der 3. Liga auf 22 Vereine nachgedacht. Dies würde den Aufstieg von mehr Regionalliga-Teams ermöglichen, ohne das bestehende Niveau der 3. Liga zu gefährden und ohne dass man eine geographische Neueinteilung der Regionalligen zwingend anstreben muss. Gleichzeitig würde das aber noch mehr Spiele und noch mehr Absteiger bedeuten. Schon in England mit ähnlichen Vereinsanzahlen in dritter und vierter Liga kann man erkennen, dass das meistens zu aufgeblähten Kadern und knappen Kassen in erster Linie führt.
„Die 3. Liga könnte problemlos aufgestockt werden, ohne dass die Qualität leidet. Ganz im Gegenteil – sie würde noch interessanter werden“, sagt Uwe Fuchs, Trainer des Chemnitzer FC, der sich seit Jahren für eine Reform der Regionalliga einsetzt.
Die Reformvorschläge finden nicht nur innerhalb der Regionalliga Nordost Zustimmung. Auch viele Vereine aus dem Südwesten und dem Westen haben die Notwendigkeit einer Veränderung erkannt. Selbst aus dem Umfeld des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) gibt es mittlerweile offene Töne – ein bemerkenswerter Wandel, nachdem der BFV in der Vergangenheit oft als Bremser galt und auch bis heute gilt. Die Frage ist nur, zu welchem Preis der BFV das eingehen wird.
„Eine Reform ist unumgänglich. Die derzeitige Struktur ist nicht nachhaltig und muss dringend angepasst werden“, so Andreas Brendler, der die Notwendigkeit einer Reform auch innerhalb des BFV sieht.
Ein Blick zurück – und nach Regensburg
Für uns in Regensburg ist die Geschichte von 2015 mehr als nur eine Erinnerung. Der SSV Jahn wurde Regionalliga-Meister – doch der Aufstieg in die 3. Liga war noch lange nicht sicher. Zwei packende Relegationsspiele gegen den VfL Wolfsburg II mussten über die Zukunft unseres Vereins entscheiden. In zwei nicht ganz undramatischen Spielen setzte sich der Jahn durch, sicherte sich den Aufstieg und läutete eine Entwicklung ein, die uns bis in die 2. Bundesliga führte. Doch auch heute noch stellt sich die Frage: Was wäre gewesen, wenn der Jahn damals gescheitert wäre?
Diese Frage betrifft nicht nur uns, sondern auch alle anderen Traditionsvereine, die in ähnlicher Weise jahrelang um ihre Existenz kämpfen. Die Diskussion um die Regionalliga-Reform wird oft weit entfernt von den betroffenen Vereinen geführt. Doch das Thema wird uns, den Traditionsvereinen der zweiten, dritten und vierten Liga, früher oder später genauso betreffen. Denn es geht nicht nur um Tabellenplätze und Aufstiege, sondern um den Erhalt der Identität und Zukunft dieser Vereine – Vereine, die aus ihrer Geschichte, ihren Fans und ihrer Region leben. Diese Reform betrifft mehr als nur sportliche Aufstiegschancen, sie stellt die Grundlage unseres Vereinslebens auch gewissermaßen infrage.
Fazit: Jetzt oder nie
Der Ruf nach Reform ist keine kurzfristige Stimmung – er ist das Ergebnis jahrelanger Erfahrung. Seit Jahren wird darüber gesprochen, doch es braucht endlich Taten, keine leeren Worte mehr. Der Ruf kommt nicht nur von Fans, sondern aus der Mitte des Spiels. Von Trainern wie Uwe Fuchs (Trainer des Chemnitzer FC), von Funktionären wie Ralph Grillitsch oder Tommy Haeder, von Vereinsverantwortlichen in allen Regionen. Sie alle wollen dasselbe: Ein faires System, in dem Leistung zählt und Perspektiven möglich sind.
Die Regionalliga ist keine Durchgangsstation mehr – sie ist das Fundament des deutschen Fußballs, denn hier trennt sich oft die Spreu vom Weizen. Sie verdient eine Struktur, die diesem Anspruch gerecht wird und so auch eher Auffangbecken statt Ruin wird. Wir können uns nicht länger von den Verbänden und deren unentschlossener Tatenlosigkeit fesseln lassen. Die Zeit für Strukturreformen ist längst überfällig, und die Forderungen nach Veränderung sind längst mehr als legitim.
Die Forderung bleibt so schlicht wie berechtigt: Meister müssen verdammt nochmal aufsteigen.