
liga3-online.de
·2 April 2025
"Historische Chance, die wir nutzen sollten": Sinneswandel beim FCE

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·2 April 2025
Als Abstiegskandidat begonnen, nahm der FC Energie Cottbus in dieser Saison eine eindrucksvolle Entwicklung. Seit Mitte der Hinrunde gehören die Lausitzer in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem der Aufstiegskandidaten. Wollte Trainer Claus-Dieter Wollitz lange nichts davon wissen, änderte auch er in den vergangenen Wochen die Außendarstellung. liga3-online.de analysiert diese Chronologie.
Von Anfang an ging es für Energie in dieser Saison nur um ein Ziel: 46 Punkte erreichen – niemand im Klub wollte wie bereits 2019 mit 45 Punkten absteigen – und den Klassenerhalt fixieren. Dass diese Schallmauer bereits am 24. Spieltag durchbrochen wurde, hatte niemand geahnt. Dass man zu diesem Zeitpunkt mit neun Punkten vor Rang vier von der Tabellenspitze grüßte, erst recht nicht. Das Saisonziel "Aufstieg" auszurufen, lehnte der FCE allerdings bewusst ab. "Der Klub ist noch nicht so weit", gab Wollitz nach dem 1:0-Sieg gegen Verl zu Protokoll und tat höhere Ziele gar als "Spinnerei" ab.
Auch, wenn er weder Spielern noch Fans das Träumen verbieten wollte, wusste der Cheftrainer und Sportdirektor in Personalunion genau, warum er neue Saisonziele ablehnte. Einerseits war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, wer die Finanzierung der Stadionrenovierung in Höhe von 2,5 Millionen Euro, welche für die Zweitligalizenz unabdingbar ist, übernehmen soll, andererseits hatten die Brandenburger noch 14 Partien vor der Brust und absolvierten gerade das elfte Spiel in Folge ohne Niederlage – warum also in den Flow hineingrätschen und unnötig Druck entfachen?
Nachdem die folgenden beiden Spiele gegen den VfB Stuttgart II und Osnabrück verloren gegangen waren, zeigte sich der 59-Jährige vor dem Spitzenspiel des 27. Spieltags in Saarbrücken mit Aussagen wie "arbeiten daran, wieder Erster zu sein“ oder "Jetzt erst recht“ von einer etwas ambitionierten Seite. Diese neue, kämpferische Außendarstellung intensivierte er vor dem 29. Spieltag in Sandhausen, während man sich gerade mitten in der längsten Durststrecke der laufenden Saison (nur ein Punkt aus vier Spielen, Platz drei in der Tabelle) befand.
Kampansagen, wie "Wir wollen im Konzert der Top 3 mitspielen" machte er nun öffentlich. Die Mannschaft solle mit der Einstellung "Ich will etwas Historisches schaffen!" in jedes Training und jedes Spiel gehen. Bei all der Erfahrung, die Wollitz in seinem Amt besitzt, und all dem Fingerspitzengefühl, welches er im Zwischenmenschlichen mehrfach nachweisen konnte, ist davon auszugehen, dass er den Zeitpunkt für die Verschärfung öffentlicher Aussagen ganz bewusst wählte. In einer Phase, in der der Mannschaft das Selbstverständnis aus der Hinrunde abhandengekommen war und in der sich Ausfälle und angeschlagene Spieler gehäuft hatten, nahm der Coach Einfluss von außen, um dem Team den vielleicht benötigten Ruck zu geben.
Nachdem der FCE durch ein 1:0 in Sandhausen zumindest ergebnistechnisch wieder in die Spur gefunden hatte, folgte der Schock: das Aus im Halbfinale des Landespokals. Das Tragische daran? Energie ist auf die gut 200.000 Euro, die es für das Erreichen der ersten DFB-Pokal Hauptrunde gibt, angewiesen. Dementsprechend war Wollitz auf der Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen Aue dazu gezwungen, erstmalig "finanziellen Druck" auch auf den Schultern der Spieler abzuladen. Platz vier soll es am Ende der Saison mindestens sein. Dennoch verwies er weiterhin auf die Möglichkeit "Historisches" zu schaffen: "Zeigt mir eine Mannschaft, die dreimal in Folge Meister werden konnte", führte der 59-Jährige aus.
Mit einem knappen, spielerisch erneut wenig überzeugenden 1:0 gegen Aue konnte Cottbus im Folgenden den zweiten Sieg nacheinander einfahren, was den Lausitzer Cheftrainer nach der Partie dazu animierte noch einen Schritt offensiver in seinen Aussagen zu werden. Es sei eine historische Chance, "die wir nutzen sollten", forderte er. "Denn die wird in den nächsten Jahren nicht mehr wiederkommen",, ergänzte Wollitz wohlwissend, dass sich einige Leistungsträger im Falle des Nichtaufstiegs nach neuen, vermutlich höherklassigen Herausforderungen umschauen werden.
Der FCE befindet sich zwar bereits seit dem elften Spieltag fast durchgehend in den Top 3 (19 von 20 Spieltage) – 16 Mal sogar auf einem direkten Aufstiegsplatz –, solch ambitionierte Aussagen wie zuletzt sind allerdings Neuland in Brandenburg. Bei acht verbleibenden Spielen, vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz bzw. fünf auf Rang vier und einer Konkurrenz, die regelmäßig Punkte liegen lässt, weiß Wollitz ganz genau, dass es nun Zeit dafür ist, um für den Schlussspurt das letzte Quäntchen Energie aus seinem Team herauszuholen.